SV03 BR-Törn 1999

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Tag 1 - 22.05.1999

Anreise nach Wendtorf

Um 07:30 Uhr machte sich der erste Tross der achtköpfigen Crew auf den Weg nach Kiel, um sich dort auf einer Bavaria 430 c einzuschiffen. Auf diesem Törn soll das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden werden, am Ende der Woche wollen 5 Leute mit dem BR-Schein in der Tasche nach Berlin zurück fahren.
Auf dem Törntreffen hatten wir beschlossen, dass Thomas, Andreas, Manfred und Wolfgang auf dem Weg von Berlin einen Supermarkt entern sollten, um unseren Proviantbedarf für die eine Woche zu stillen.
Luise, Micha und ich starteten um 8:30 Uhr bei Luise vor der Tür, um auf direktem Weg die Marina Wendtorf anzusteuern. Unsere Hoffnungen, das Versorgungsteam eventuell noch einzuholen wurden auf der A24 jäh zu nichte gemacht, als wir in einen dieser unerfindlichen Staus gerieten, die immer dann entstehen, wenn auf dem Standstreifen der Gegenfahrbahn ein Reifen gewechselt wird o.ä. Die weitere Fahrt verlief ohne außerplanmäßige Zwischenstops, abgesehen von unserer Bekanntschaft mit der Eigenheit der Kieler Verkehrsverwaltung, an etlichen Stellen das Linksabbiegen zu verbieten.

An der Marina angekommen, führte uns unserer erster Weg auf den Steg 2, an dem wir laut dem Vercharterer die "Tradewend" finden sollten. Unsere erste Expedition über den Steg mussten wir jedoch erfolglos abbrechen. Nach einer kurzen Beratung am Ufer und dem obligatorischen Putzen der Brillen, es könnte ja sein, das wir aufgrund einiger Flecken auf der Brille ein 43 Fuß Schiff schlichtweg übersehen haben, starteten wir einen zweiten Anlauf.
Sonnenuntergang Wir müssen wohl schon einen recht "suchenden" Eindruck hinterlassen haben, denn auf einmal trat jemand mit den Worten "Herr Heine?!"auf uns zu. Wie sich herausstellte handelte es sich dabei um Herrn Burek, der uns die "Tradewend" übergeben sollte. Mit den Worten "Sie bekommen eine 41er Bavaria!" schaffte er es binnen von Sekunden einen Ausdruck von Verständnis gefolgt von einem großen Fragezeichen auf unsere Gesichter zu zaubern. Immerhin hatte er uns unser Vertrauen in unsere Sehfähigkeit wiedergegeben, wurde es damit doch bestätigt, dass an diesem Steg keine 430 c zu finden war. Doch warum sollten wir uns mit einer 41er "zufrieden" geben, wollten Micha und ich doch auf diesem Törn die Meßlatte für den Faktor Schiffslänge etwas höher legen.
Eine 41er hatten wir je bereits bei unserem Himmelfahrtskommando. In der weiteren Unterhaltung erfuhren wir dann, dass die "Tradewend" aufgrund einer unfreiwilligen Begegnung mit einem Fischernetz einen Zwangsaufenthalt in Dänemark verordnet bekommen hatte.

Beim Anblick der "Baltic-Princess" keimte in uns der Gedanke auf, dass der Wechsel für uns durchaus von Vorteil sein könnte, ist die "Tradewend" doch bereits seit 8 Jahren im harten Chartereinsatz und die "Baltic-Princess" erst seit 4 Jahren. Wie der Schein doch trügen kann!
Nach der Übergabe (Kennt irgendjemand eine Bavaria 41 Holiday, auf der die Ankerwinsch ohne Einschränkungen funktioniert?), die ohne größere Beanstandungen verlief, fingen wir an unsere Seesäcke an Bord zu bringen. Während unserer Verladeaktion erschienen Manfred und Wolfgang auf dem Steg und wir konnten den gleichen Gesichtsausdruck genießen, wie Herr Burek kurz zuvor. Der kurzen Erklärung zum Schiffswechsel folgte das Umladen der persönlichen Ausrüstung und (ganz wichtig!) des Proviants. Doch wie groß war die Enttäuschung, als uns eine Palette Eistee und 2 große Kartons später mitgeteilt wurde, dass es nichts mehr zu verladen gab. Es stellte sich heraus, dass der Rest der Lebensmittel in dem Golf von Andreas verstaut waren. Wie auf ein Stichwort erschienen Thomas und Andreas mit Lebensmitteln beladen. Am Ende des Bunkerns hatten wir sogar noch jede Menge Stauraum frei. Da soll noch mal jemand sagen, Segeln hätte nur eine Alibi-Funktion.
Einstimmig wurde beschlossen, den Rest des Tages noch zu nutzen und schon die ersten Meilen zu segeln, schließlich sind wir ja nicht nur zum Spaß auf diesem Törn. Unser eigentliches Ziel Damp 2000 wurde sofort gestrichen, hätten wir doch, um dorthin zu gelangen eine Kreuz vor uns gehabt. Viel verlockender war da schon die Aussicht auf einen Halbwindschlag nach Marstal. Noch im Hafen wurde beschlossen, das Reff 2 einzubinden, der Gedanke an die Genua 3 wurde sofort wieder fallengelassen. Derart gerüstet verließen wir durch den Tonnenstrich die Marina Wendtorf und setzten kurz hinter der Ansteuerungstonne die Segel. Was für ein schönes Gefühl, als endlich der Vortrieb nicht mehr durch den Volvo Penta erzeugt wurde. Einmal an den Wind gebracht und die Segel richtig getrimmt, pendelte sich die Anzeige auf dem Log schnell bei 7,5 Knoten ein. Im Laufe der Überfahrt konnten wir den Wert mit 8,7 jedoch noch toppen.

Als Ruhe auf dem Schiff eingekehrt war, hing jeder seinen Gedanken nach, genoss die Sonne und den Wind. Micha und ich machten uns daran unsere "Gimmicks" zu installieren.
Zu den Gimmicks zählen ein GPS-Evaluation-Kit, ein Laptop, sowie eine Navigationssoftware. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre hatten wir beschlossen uns nicht mehr alleine auf das bordeigene GPS zu verlassen, sondern uns etwas eigenes zuzulegen. Halbe Sachen sind nicht unser Welt und so war die oben genannte Ausrüstung die logische Konsequenz.
Der Laptop wurde auf dem Kartentisch verzurrt, die Kabel verlegt und die GPS-Antenne befestigt. Dem Testeinsatz der Navigationssoftware stand nun nichts mehr im Wege. Voll freudiger Erwartung griff Micha zur CD-Hülle. Er hatte extra auf der Platte noch den bescheidenen Platz von 200 Mb freigeschaufelt, damit wir das Programm installieren konnten. Der Inhalt der Hülle war verantwortlich für das zweite große Fragezeichen in seinem Gesicht an diesem Tage. Im gleichen Augenblick schwante mir Böses, hatte ich nicht 2 Tage zuvor das Programm auf meinem Rechner installiert? An alles hatte ich gedacht, das Dongel zurechtgelegt, die Freischalte-Codes und die Bedienungsanleitung eingepackt, nur an die CD selber habe ich mit keiner Silbe gedacht. Diese steckt wohlbehalten, warm und trocken im CD-ROM-Laufwerk meines Rechners in Berlin. Guter Rat war jetzt teuer. Nun hatten wir den ganzen Aufwand betrieben und sollten nicht dazu kommen, das Programm ausgiebigst zu testen?
Überfahrt Wie praktisch war es doch da, das Kerstin erst am Montag in Svendborg zu uns an Bord kommen soll. Per Handy bat ich meine Mutter darum, die CD aus dem Rechner zu nehmen und an Kerstin weiterzureichen. Im Laufe der Überfahrt häuften sich die Beschwerden der Rudergänger darüber, dass das Ruder sehr schwergängig ist. Womit unsere Checkliste für den nächsten Hafen eröffnet war.

An der Ansteuertonne Marstal wurde so etwas wie eine imaginäre Startlinie gezogen und ein Run auf die letzten freien Liegplätze im Hafen begann. Soviele Schiffe dem Hafen zustrebten, soviele Methoden diese Distanz zu überwinden konnte man beobachten.
Die Verfechter der Motorbootvariante hatten lange vor der Ansteuertonne die Segel geborgen und "legten den Hebel auf den Tisch" in der Hoffnung auf bisher verborgene Gleiteigenschaften ihres Langkielers. Ihre Erfolgsaussichten waren denkbar gering, standen sie in der Vorfahrtsreihenfolge ganz hinten, was auch gnadenlos ausgenutzt wurde.
Etwas besser ging es den Verfechtern der Motorseglervariante, sie liefen unter Segel in den Tonnenstrich ein, um dann ohne vorherige Ankündigung in den Wind zu drehen und die Segel zu bergen. Um die Aktivitäten die sie damit auf den nachfolgenden Schiffen auslösten, denen sie mit ihrem Manöver den Kurs verstellten, kümmerten sie sich wenig.
Gerade die Regattafreaks hatten unter den Motorseglern zu leiden. Mit optimal getrimmten Segeln allem möglichen Gewicht auf der Kante strebten sie slalomfahrend (um die Motorsegler) der Hafeneinfahrt zu, um dort in einem perfekten Manöver die Segel zu bergen und mit Maschine im Hafenbecken den Liegeplatz anzusteuern. Das alles ließ die Puristen völlig kalt, sie steuerten den Hafen unter Segel an, bargen im Vorbecken das Großsegel und steuerten mit dem Vorsegel den Liegeplatz an.

Wir erreichten nach einigem Suchen unseren Liegeplatz unter Maschine und konnten dabei wieder die Hilfsbereitschaft einiger deutscher Segler genießen. Der Hafenmeister hatte uns trotz rotem Plättchen eine Box neben einem Motorsegler zugewiesen. Als die Eigner feststellten, dass wir diesen Platz anstrebten, wurde die Tür des Deckshauses aufgeschoben und ein freundliches "Dieser Platz ist nicht frei!! Fahren Sie woanders hin!" keifte uns entgegen, begleitet von eindeutigen Handbewegungen.
Anlegen Ihre Gesichter zeigten einen Anflug von Ratlosigkeit, als wir keine Anstalten machten abzudrehen. In hektischer Aktivität wurden die Fenderschoner in Position gebracht, die Tür des Deckshauses von innen verriegelt und die Fernsehhaltung eingenommen. In einem sauberen Manöver und mit Hilfe von 2 Dänen, die unsere Vorleinen entgegen genommen haben, haben wir in der Box festgemacht.

Die anschließende Inspektion des Ruders ergab einen erheblichen Reparaturbedarf. Das Ruder war so montiert, dass die entsprechenden Anschläge den dafür vorgesehenen Winkel unterliefen. Mit etwas Knoff-Hoff und Muskelkraft gelang es uns das Ruder etwas anzuheben und zu fixieren.
Die Zubereitung des Abendessens sorgte für allgemeine Erheiterung und für zwei neue Spitznamen. Thomas wurde fortan nur noch als "Meister" tituliert, führte er doch mit sicherer Hand den Küchenbetrieb und spornte seinen Assistenten (Andreas) zu Höchstleistungen beim Zwiebelschneiden an.
Nach und nach verloschen alle Kabinenlichter und nur das markante Geräusch von großflächigen Rodungsarbeiten durchbrach die Stille des Hafens.

mh

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Martin Heine/Segelcrew Ostsee