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Tag 5 - 26.05.1999
Rudköbing - Wendtorf
Leider erwies sich die Auskunft des Fischers von gestern Abend als falsch. Aufgrund des anhaltenden starken
Windes war kein Fischer draußen und wir mussten ohne frischen Fisch aus Rudköbing auslaufen.
Langsam stand uns der Zeitdruck etwas im Nacken, so dass wir uns dazu entschlossen, keinen weiteren
Aufenthalt in Dänemark mehr einzulegen. Ein Zwischenstop in Marstal war der letzte Aufenthalt in Dänemark,
den wir eingeplant haben. Von unserem ersten Aufenthalt dort wussten wir, dass sich der Vorhafen hervorragend
für Hafenmanöver eignet.
Der Volvo Penta brachte uns durch den Tonnenstrich, weil dieser zum Kreuzen zu eng war. Am Ausgang konnten
wir endlich wieder die Genua und das Groß setzen und bis kurz vor die Hafeneinfahrt von Marstal segeln.
Im Vorhafen fuhren wir dann Hafenmanöver bis zum Abwinken, besser gesagt bis zu dem Zeitpunkt an dem der erste
holländische Großsegler dort festmachte.
Hatten die Besatzungen der Yachten, die bereits vor unserer Ankunft im Hafen lagen, auf eine Verlustigung
erster Kajüte durch unsere Hafenmanöver gehofft, wurden sie von der Crew enttäuscht. Spätestens nach dem 2ten
Anleger beherrschten alle das Schiff so gut, dass sie perfekte Anleger ablieferten.
Während wir unsere Kreise im Vorhafen drehten, lief ein Fischer ein. Sofort setzten wir Wolfgang und Thomas am
Steg ab und die beiden begaben sich auf Fischfang. Dieses Mal kehrten sie mit reichlicher "Beute" zurück. Um
uns für die anstehende Nachtfahrt zu rüsten, verholten wir uns in eine Box im Yachthafen. Während Wolfgang die
Fische filetierte fuhren wir noch zwei Boxenmanöver.
Im Anschluss versammelte sich die restliche Mannschaft zum kollektiven Kartoffelschälen im Cockpit, wobei
Thomas Assistenten die Aufgabe des Zwiebelschälens und -schneidens zufiel. Konnte die Crew die Schüssel mit
Kartoffelsalat noch leeren, so mussten wir bei dem gebratenen Fisch die weiße Flagge hissen. Der restliche
Fisch wurde gebraten und als Vorrat im Kühlschrank verstaut.
Leider ließ der Wetterbericht für die Nacht nichts Gutes erwarten, die Windvorhersagen lauteten für
Belte & Sund, sowie für die westliche Ostsee auf S-SE 4-5. Der Kreuzschlag, um den wir bei dieser
Windrichtung nicht herum kamen, bescherte uns einen Bonus von ca. 20 sm und eine geschätzte Ankunftszeit
von 04:00 Uhr.
Die erste Wache bestehend aus Manfred, Kerstin und Andreas bereitete sich für die Nacht vor. Der Abwasch
wurde erledigt, heißer Tee gekocht und das Schiff seeklar gemacht. Der Hafenmeister zeigte sich nach einer
kurzen Unterredung sehr kulant, wir brauchten keine Hafengebühren zu zahlen. Um 19:30 Uhr passierten wir die
Hafeneinfahrt von Marstal, für den Tonnenstrich mussten wir wieder den Volvo Penta bemühen. An der
Ansteuerungstonne setzten wir die Segel, von nun an gab es für unseren Rudergänger nur einen Kurs; so hart
am Wind wie möglich, ohne das die „Baltic Princess“ zu viel an Fahrt einbüßte.
In der ersten Zeit lagen Micha und ich mit dem Kurs, den wir auf der Karte und im Vistanaut abgesteckt
hatten sehr gut am tatsächlich gesegelten. Zu unserer Freude stellten wir fest, dass der Wind im Laufe der
Nacht etwas nach Ost drehte und wir mehr Höhe als geplant laufen konnten. Am Ende der ersten Wache hatten
wir den Leuchtturm Kiel direkt Voraus und in einer Entfernung von ca. 10 sm. Um 22:00 Uhr war die zweite
Wache aus Luise, Thomas und Wolfgang an der Reihe. Thomas, der um nichts in der Welt dazu zu bewegen war
nach dem Auslaufen die Koje aufzusuchen, war begeistert, die Lichterführungen aus dem Buch jetzt mal in
natura zu erleben. Ein Fischer dessen Peilung längere Zeit stand veranlasste uns zu einer Wende, dem ersten
Manöver seit Marstal. Nur kurze Zeit konnten wir auf diesem Kurs bleiben, durch die Winddrehung entfernte
wir uns von unserem Ziel. Sobald der Fischer uns nicht mehr in die Quere kommen konnte, gingen wir auf den
alten Kurs zurück.
Leider schlief der Wind ein, so dass wir zum Wachwechsel gegen 1:00 Uhr den Leuchtturm Kiel erst querab
hatten.
Während Micha und ich uns näher mit dem Gebrauch des Radars auseinandersetzten versuchten Kerstin, Manfred
und Andreas den letzten Windhauch einzufangen. Um 2:00 Uhr mussten wir einsehen, dass es unter Segeln kein
Vorwärtskommen mehr gab und wir wohl oder übel wieder auf die Maschine zurückgreifen mussten. Eigentlich
hätten wir die Ansteuerungstonne von Wendtorf schon sehen müssen. Laut Karte ist die Tonne mit einem
unterbrochenen roten Feuer gekennzeichnet. Ab der Ansteuerungstonne sollte uns ein Richtfeuer den Weg
entlang der Fahrrinne weisen.
An der Stelle, an der laut Karte, Vistanaut und Radar die Ansteuertonne sein sollte, erhellte ein weißes
unterbrochenes Feuer die Nacht. Nicht einmal die Kennung stimmte mit der in der Karte überein. Eine
intensive Suche auf der Karte in der Umgebung der Ansteuerung von Wendtorf löste dieses Rätsel leider nicht.
So tasteten wir uns mit kleiner Fahrt und einem Augen auf dem Echolot an die Tonne heran. Micha überwachte
unsere Annäherung auf dem Radar, während Manfred mit Handscheinwerfer parat stand. Unser Adlerauge Kerstin
entdeckte als erste die Beschriftung "Wendtorf 2" auf der Tonne. Mit dem bloßen Auge suchten wir das erste
Tor der Fahrrinne vergeblich, also übernahm Micha am Radar die Führung, er konnte die Tonnen klar erkennen,
Andreas steuerte das Schiff nach seinen Anweisungen.
Kurz darauf konnten Kerstin und ich vom Bug aus die weiteren Tore erkennen, die Manfred dann mit dem
Handscheinwerfer anstrahlte, damit Andreas seinen Kurs danach richten konnte. Von dem Richtfeuer konnten
wir weit und breit nichts erkennen. Um 3:25 Uhr hatten wir uns in den Hafen gehangelt und lagen wohlvertäut
in der Box. Es dauerte nicht lange, bis in den Kabinen alle Lichter verloschen waren.
Noch im Vorbecken setzten wir das Großsegel. Das Signal der Fähre mahnte uns zur Eile, denn die Bavaria 41
und die Fähre passen sicher nicht gleichzeitig durch die Hafeneinfahrt. Dank des Volvo Penta bekam die
"Baltic-Princess" kurzzeitig Flügel und die Situation war geklärt. Mit Genua und Groß segelten wir bei
mäßiger Sicht durch den Tonnenstrich Richtung Faaborg. Faaborg hatten wir als Alternativhafen zu
Aeroskobing eingeplant, falls es in der Bucht nicht möglich sein sollte das Boje-über-Bord-Manöver zu üben.
Schon bald nach Verlassen des Tonnenstriches war klar, dass der Wind uns einen Strich durch unsere Rechnung
gemacht hat. So wurde ein Kurs auf die Passage südlich von Avernako abgesetzt.
Hinter der Durchfahrt, in der Abdeckung von Avernako, war es etwas ruhiger und wir konnten doch noch die
angestrebte Manöverstunde einlegen. Unzählige Male wurde die Boje in die Ostsee befördert und ebenso oft
wieder herausgeholt. Bei dieser Gelegenheit erzielte Thomas die höchste Erfolgsquote, wenn es darum ging
die Boje zu angeln. Sein Assistent konnte da bei Weitem nicht mithalten, seine Stärken liegen wohl doch
eher auf dem Gebiet des Zwiebel- und Knoblauchschneidens.
mh
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