
Zu nachtschlafener Zeit (02:30 Uhr) traf sich eine handvoll unentwegter Segler und machte sich auf den Weg nach Breege auf Rügen, um dort für drei Tage das heimische, warme Bett gegen die kuschelige Gemütlichkeit einer Bavaria 41 einzutauschen.
Vielleicht hätte der eine oder andere aus unserer Crew einen Rückzieher gemacht, wenn er nur eine Ahnung von dieser Abfahrtszeit gehabt hätte. So aber konnten wir uns nach anfänglichem Zögern kaum vor Nachfragen retten. Ich selber hatte auch so meine Bedenken, als eines Abends mein Telefon klingelte und Frau Schletter von der Eigner Gemeinschaft Ostsee zu mir meinte "Herr Heine, ich habe ein Superangebot fü Sie!" Bei dem was nun folgte, konnte ich schlecht "Nein" sagen. Dank Fax und Kundenterminal konnten die notwendigen Formalitäten rechtzeitig geklärt werden und das Himmelfahrtskommando war perfekt.
Gegen 4:45 Uhr bogen wir nach ca. eindreiviertel Stunden Fahrt von der A19 auf die Landstraße Richtung Stralsund ab. Hätte uns zu diesem Zeitpunkt jemand gesagt, daß wir (Olli, Christian Micha und Martin) für den Rest des Weges nach Breege länger brauchen, als bis hier hin, wir hätten ihn wohl ausgelacht. Doch als wir gegen 7:00 Uhr endlich den Parkplatz vom Hafen Breege erreicht hatten, waren wir um eine Erfahrung reicher.
Vor Ort wurden wir bereits von Jenni, Florian, Tilman, Matthias und Hi-Sung erwartet. Die drei letztgenannten mußten wir erst wecken, denn sie hatten unsere Ankunft in ihrem Campingbus glattweg verschlafen. Unsere Crew für die nächsten Tage war somit vollzählig. Als sich gegen 7:45 Uhr noch niemand von dem Vercharterunternehmen (Mola) blicken ließ, wurden wir etwas stutzig. Auf meine Frage hin, ob irgendjemand zufällig ein Handy dabei hätte, ertrank ich in der schier unbeschreiblichen Flut von sieben Handys!
Als ich die Hoffnung, es würde beim Vercharterer jemand ans Telefon gehen, schon aufgegeben hatte, meldete sich eine verschlafene Stimme und fragte nach meinen Wünschen. Nein, von einer Übergabe um 8:00 Uhr wisse er nichts, war die Antwort, als ich ihn fragte, wann denn die Übergabe anfangen würde. Aber das wäre alles kein Problem, das Schiff sei offen und wir sollten uns schon mal umsehen und unsere Sachen einräumen, es käme gleich jemand. Gesagt, getan - mit einer gewissen Ehrfurcht haben Micha und ich dann das Schiff betreten, das uns für die nächsten drei Tage befördern sollte. 41 Fuß (ca. 13m) hören sich anfangs gar nicht so beeindruckend an, wenn man dann aber hinter dem Rad steht, fragt man sich schon, wo denn der Bugsteven eigentlich ist.
Unserer ersten Inspektion konnte das Schiff bis auf ein paar Details (unkorrigierte Seekarten von 1997, ein leerer Werkzeugkasten, eine defekte Winschkurbel und eine nicht funktionsfähige elektrische Ankerwinsch) standhalten. Da bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Mitarbeiter von Mola in Sicht war, haben wir unseren gesamten Kram an Bord gebracht und verstaut. Im gleichen Maße, wie sich die Bodenfreiheit unserer Autos erhöhte, sank der Freibord der Sturmvogel.
Kurz vor 10:15 Uhr traf der Mitarbeiter von Mola ein und die Übergabe konnte beginnen. Nachdem fast alle Mängel (leider nicht die defekte Ankerwinsch) beseitigt waren, war der große Moment gekommen. Doch bevor wir endlich die Leinen lichteten, wurde die Crew noch in den Gebrauch von Rettungswesten und Lifebelts eingewiesen.
Das
Kommando "Leinen los" markierte den Beginn unseres Törns. Noch im
Hafenbecken rollten wir die Segel aus, da wir es nicht erwarten konnten,
endlich ohne den nervigen Diesel vorwärts zu kommen. Doch unsere Freude
über die guten Am-Wind-Eigenschaften der Sturmvogel war nur von kurzer
Dauer. Der Wind stand so ungünstig, daß wir den Weg nach Hiddensee
hätten aufkreuzen müssen, was uns unser Navigator verbot, beträgt
doch die Wassertiefe außerhalb der Fahrrinne mitunter weniger als
1m. Also sorgte nicht der Wind für den nötigen Vortrieb, sondern
der Volvo Penta. Nach ca. 2 Stunden konnten wir unseren Kurs dann endlich
gen Norden richten. Während der Leuchturm von Hiddensee an unserer
Backbordseite langsam achteraus wanderte, waren wir mit unseren Gedanken
schon in der Sauna von Klintholm Havn, denn dies sollte unser Tagesziel
sein. Vorgewarnt durch Wetterbericht und -beobachtung wählten wir
eine gemäßigte Besegelung (ca. 40% Genua und 30% Großsegel).
Kaum, daß wir die Maschine gestoppt und das Schiff an den Wind gebracht
hatten, zogen die Relingstützen der Leeseite auch schon durch das
Wasser der Ostsee. Na aber hallo, die Sturmvogel zog mit 7 Knoten ihre
Bahn und unser Navigator rechnete den passenden Kurs nach Mön und
die geschätzte Ankunftszeit aus. Kaum waren wir aus der Landabdeckung
von Hiddensee heraus, zeigte uns die Ostsee ihr wahres Gesicht.Wir wurden
von einer Windstärke um 5 begleitet von einer Wellenhöhe von
1 - 1,5m empfangen. Obwohl die Bavaria sehr gut Höhe lief, war es
uns nicht möglich, den direkten Kurs nach Mön zu halten, aber
Bange machen gilt ja bekanntlich nicht, also wurde der Kurs neu abgesteckt
und die optimalen Kreuzschläge festgelegt.
Nach 3 Stunden hatten bereits über 50% der Crew Neptun ihr Opfer gebracht und wir waren unserem Ziel nur unwesentlich näher gekommen. So schwer es uns auch fiel, so mußten wir uns von einem gemütlichen Abend in der Sauna von Klintholm verabschieden und beschlossen, den Hafen von Vitte auf Hiddensee anzulaufen. Nach einem ziemlich schnellen Raumschotstrip in die Abdeckung von Hiddensee tasteten wir uns zuletzt mit der Maschine durch das Fahrwasser in den Hafen von Vitte-Langenort.
Dort angekommen
stellten wir die Landverbindung her und wollten uns es gerade gemütlich
machen, als uns ein Rufen vom Steg und die fehlende Ladekontrolleuchte
an Deck trieb. Eine Yacht, die in die Box neben uns gefahren ist, hatte
dabei fein säuberlich unser Stromkabel durchtrennt. Um mit dem auf
diese Weise etwas gekürztem Kabel die nächste Steckdose zu erreichen
mußten wir uns in eine andere Box verholen, die wir bis zum Auslaufen
am nächsten Tag nicht mehr verließen.
Aufgrund der
Erfahrungen von gestern und den Vorhersagen des Wetterberichtes haben wir
uns entschlossen, auf der Boddenseite von Hiddensee gen Südwesten zu
segeln. Kurz nach dem Auslaufen aus Vitte konnten wir die Segel setzen und
liefen mit ca. 6kn unserem Ziel entgegen. Doch die Freude war nur von
kurzer Dauer: Kurz nachdem wir in das Fahrwasser Richtung Barhöft
eingebogen waren, mußten wir feststellen, daß an der
Fahrwasserteilung ein Segler Land gekauft hatte. Da die Yacht von den
Heckwellen der vorbeifahrenden Fähren immer weiter auf die Untiefe
hinaufgesetzt wurde und von anderer Seite keine Hilfeleistung zu erwarten
war, beschlossen wir einen Schleppversuch zu wagen. Ein sehr flachgehendes
Motorboot (leider nur mit 20 PS Außenborder) war uns bei der
Übernahme der Schleppleine behilflich, da wir uns mit unseren 2,00 m
Tiefgang nicht bis an den Havaristen heranwagten. Da die Yacht (eine
Dehler 36 cws) über einen Flügelkiel verfügte, war es noch
nicht einmal durch Krängung möglich den Tiefgang zu verringern.
Nach einigen Schleppversuch stand fest, daß die 40 PS unseres
Diesels nicht ausreichten, um die Situation zu klären. Gerade als
wir beschlossen hatten, die Leinenverbindung zu kappen nahte ein Boot der
Bundesmarine auf Vatertagstour (?). An dieses übergaben wir die
Schleppleine und machten uns daran, unseren Trip fortzusetzen. Als Dank
wollte uns der Eigner der Dehler eine Flasche Sekt zu werfen, aufgrund der
zu überwindenden Entfernung verzichteten wir aber auf die Aktion und
verabredeten uns in Barhöft. Gerade als wir unseren Kurs im
Tonnenstrich fortsetzten, ging ein Zittern durch das Schiff und die Logge
zeigte 0 kn Fahrt. Dem Konstrukteur sei dank, daß die Bavaria
über keinen Flügelkiel verfügt und so konnten wir diese
Malesse selber beheben, in dem wir das komplette Mannschaftsgewicht nach
Steuerbord getrimmt haben (Eine Übung, die wir am Ende des Törns
meisterlich beherrschten.) und unter Maschine rückwärts liefen.
Die Fahrt durch den Tonnenstrich in der Abdeckung von Hiddensee verlief
bei "Bilderbuchwetter" ohne nennenswerte Ereignisse.Mit bis zu 7,5 kn ging
es unserem Etappenziel Barhöft entgegen. "Kurz" vor Stralsund
wechselten wir den Tonnenstrich und liefen hoch am Wind nach Norden. Vor
dem zweiten Tor planten wir einen Holeschlag ein. Laut der Seekarte sollte
es damit auch keine Probleme geben, doch wenige Meter bevor wir den
eigentlichen Strich wieder erreicht hatten, wurde unsere Fahrt abermals
abrupt gestoppt und wir hatten erneut Land gekauft.
Die Segel bergen und das
Schiff krängen gingen uns so problemlos von der Hand, als hätten
wir dies schon sehr oft geübt. Nach diesser Erfahrung entschlossen
wir uns, den Rest des Striches zu motoren. Um noch ein wenig von der
Landschaft des Bock und des Darß zu genießen, ließen wir
Barhöft an Backbord liegen und motorten in Richtung Barth. Schnell
wurden wir des Motorengeräusches überdrüssig und so drehten
wir im ersten Bodden uund setzten endlich wieder die Segel. Vorbei ging
es mit achterlichem Wind an großen Schilfbeständen und
ausgedehnten Wiesenlandschaften. Beim Einlaufen in Barhöft
mußten wir feststellen, daß dieser Hafen sehr gut besucht
wird. Bei der Box, die wir uns ausgesucht hatten, lagen die
Festmacherbojen leider nicht weit genug vom Steg entfernt, so daß
wir recht frustiert feststellen mußten, daß unser Schiff ca. 3
m zu lang war für die Box. Erst nachdem wir zwei Segler davon
überzeugt hatten, sich mit ihrem 7,00m Boot in einer entsprechenden
Box unterzubringen, konnten wir in unserem endgültigen Liegeplatz
für die Nacht festmachen.
Bevor wir uns
auf den Rückweg nach Breege machen müssen, werfen wir noch einen
sorgenvollen Blick auf die Tankanzeige. Seit wir das Schiff übernommen
haben hängt die Nadel wie festgenagelt auf viertel voll und seit dem
haben wir schon einige Motorstunden hinter uns. Kurze Zeit später
sollte sich unser Verdacht, daß die Tankanzeige nur Schätzwerte
liefert, bestätigen. Erst bei 110 Litern blieb die Anzeige der Zapfsäule
stehen. Bei einem 120 Liter Tank waren unsere Reserven nicht mehr allzu
groß. Von Barhöft aus segelten wir den Tonnenstrich nach Südwesten,
um dann auf bekannten Pfaden in der Abdeckung von Hiddensee langsam unserem
Zielhafen Breege entgegen zu segeln.
In der Höhe von Neudorf erhielten wir dann endlich die eine Antwort auf die immer wieder aufkeimende Frage, warum die Berufsschiffahrt so wenig Rücksicht auf die Sportschiffahrt nimmt. Sie ist denkbar einfach, es wir ihnen nicht anders beigebracht! Gerade in dem Abschnitt des Tonnenstriches, in dem wir gerne einen Holeschlag gemacht hätten setzte ein umgebauter Fischkutter zum Überholen an. Also beschlossen wir erst dann zu wenden, wenn er vorbei ist und uns so lange an der Kante entlang zu hangeln. Doch anstatt zügig zu überholen verminderte der Kutter seine Geschwindigkeit, blieb auf unserer Höhe und nötigte uns durch seinen Kurs noch zum Abfallen, um einen sicheren Abstand zu halten. Die Aufschrift "SEESCHIFFFAHRTSSCHULE" machte uns klar, daß es in jedem Ausbildungsplan für Berufsschiffer einen Punkt "Wie nötige, behindere und ärgere ich die Sportschiffahrt" geben muß.
Der Rest des
Rückweges verlief völlig ohne nennenswerte Zwischenfälle.
Naja vielleicht nicht so ganz. Als wir in der Höhe von Vitte
in das östliche Fahrwasser abbogen überrollte uns eine Regenwand
mit dem entsprechenden Böenkragen. Trotz stark verminderter Segelfläche
hatte Olli keine Chance, die 41er auf Kurs zu halten und wir schossen eine
Sonne, die jedem Punktrichter beim Eiskunstlauf eine glatte 10,0 entlockt
hätte. Nachdem die Wand durch und Olli ziemlich durchnäßt
und ausgekühlt war, übernahm ich das Steuer. Olli verzog sich
unter Deck, um dort seine wohl verdiente Suppe zu essen. Eine Südtonne
mitten im gekenzeichneten Fahrwasser versetzte die Navi in Verzweiflung
und mich in Verwunderung. Gerade als ich mich dazu entschloß, die
Südtonne an Backbord zu lassen und damit vorschriftsmäßig
zu umfahren wurde unsere bis dahin gute Fahrt von 6 kn abrupt gestoppt.
Mein Vorwärtsdrang wurde vom Steuerrad gestoppt, jeder andere auf
dem Schiff bewegte sich mindestens 0,5 m in Richtung Vorschiff. Mit etwas
Krängung und Maschinenhilfe kamen wir sehr zügig wieder frei,
um bei dem Versuch eine Umfahrung zu finden sofort wieder Bekannschaft
mit dem Ostseeboden zu machen. Erst die Methode rückwärts einen
defenierten Punkt des Fahrwassers anzusteuern war von Erfolg gekrönt.
Während wir uns langsam aber sicher an der Tonne vorbeitasteten erschien
Olli im Niedergang, den Overall oberhalb der Gürtellinie mit Tomatensuppe
verziert. Gerüchten zu folge sollen vereinzelte Reste der Suppe beim
Saubermachen an der Decke der Kochecke gefunden worden sein.
Außer einem Zwischenstopp in Wieck um Kuchen zu bunkern stoppte nichts und niemand mehr unsere Fahrt nach Breege. Dort angekommen beendete ein ausgiebiges Abendessen und ein gemütliches Beisammensein unser Himmelfahrtskommando.
Am nächsten Morgen herrschte dann emsige Geschäftigkeit, die Restvorräte wurden in den Passat verladen, da Olli, Micha und ich gleich nach der Abnahme unseren neuen Wegepunkt Greifswald angesteuert haben und dort das nächste Schiff für einen 2-wöchigen Törn nach Schweden und Dänemark übernommen haben. Der Rest der Crew verabschiedete sich und zog via Rostock gen Berlin.