Ostsee 2001

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Tag 14 - 07.09.2001

Steuerfrau Jule

Eine lange Etappe stand bevor und so begann der Tag auch nicht sehr spät. Der Wind pfiff nicht mehr wie nachts zuvor in den Wanten, blies aber dennoch noch recht kräftig. Die Sonne lugte zwischen den Wolken hervor, die Windrichtung war für uns recht günstig.

Da wir nach dem Wetter der vergangen Nacht einiges an Welle und im Laufe des Tages auch noch einigen Wind erwarteten, wurde die Scorpion innen besser als sonst aufgeräumt, alles wurde besonders gut verstaut, so daß nichts durch die Gegend fliegen konnte bei Welle oder Lage. Die zum Segeln und navigieren wichtigen Dinge wurden bereit gelegt, jeder zog sich auch seine wetterfesten Klamotten an - das Cockpit war vom Regen der Nacht noch naß und es sah so aus, als könnte uns auch zwischendurch einiges erwarten - abgesehen davon stieg das Thermometer auch nicht in extraordniäre Höhen.

Unser Lieblingsmotiv

Dann verließen wir Göteborg. Vorbei am Museumshafen, an den Docks der großen Schiffe, den Fährterminals und unter der großen Brück hindurch liefen wir unter Motor, winkten der SEB, dem Volvo-Ocean-Racer, nocheinmal Glück zu und setzten dann bald in der langgestreckten Bucht die Segel. Zwar mußten wir anfänglich noch ein paar Kreuzschläge machen, da wir westliche Winde hatten, aber bald drehten wir auf einen uns südlich führenden Kurs ab, so daß wir bei halbem Wind mit guter Segelfläche stetig mit sechs und mehr Knoten (laut der nicht gerade vertrauenerweckenden Logge, laut GPS mehr) in Richtung Helsingör, unserem Etappenziel liefen.

Über viele Seemeilen hielten wir uns noch in Sichtweite der schwedischen Küste. Je weiter wir uns entfernten, um so größer wurde die Anzahl der großen Schiffe, die auf Weg F ihre Bahn in beide Richtungen zogen, nur ein großer Containerfrachter kreuzte unseren Kurs und obwohl vorfahrtsberechtigt, wichen wir aus, konnten wir doch aufgrund der geringeren Größe besser manövrieren.

ob

Regenwolke

Steuerfrau Julia hatte uns den Tag über sicher durch die Weiten des Ozeans gefahren und wollte nun ihrerseits etwas zur Stimmung des Abends beitragen. Kaum hatte sie die erste Strophe "Wir lieben die Stürme, die tosenden Wogen, der eiskalten Winde rauhes Gesicht..." angestimmt, als sich eine weitere Stimme zu Wort meldete. Die Kreuzsee hatte sich in ungeahnte Höhen aufgeschwungen und lud einen mächtigen Wasserschwall in das Cockpit. Der weitere Verlauf des Liedes lohnt mit "Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh..." nicht der weiteren Wiedergabe. Um an dieser Stelle ein Zitat aus der auf diesem Schiff allseits beliebten Serie "Siedlung Önkelstieg" mit der Folge "Grillspaß" zu geben: "Der Herr sei bisweilen auch zu Scherzen aufgelegt". Obiges Foto zeigt Julia vor diesem Vorfall. Aus Gründen der Diskretion erfolgt keine Ablichtung einer eingeweichten, mies dreinschauenden Steuerfrau, die mit einem Kommentar dieser Deutlichkeit zu ihrer Darbietung so gar nicht einverstanden war.

Die Nacht brach ein und mit ihr kamen die Umstände, die eine Nachtfahrt so interessant machen. Nachdem unser Radar seine Aufwärmphase nach kurzen 30 Minuten (immer dann, wenn man das Zeug braucht, geht's nicht) mit dem Einschalten der bei Dunkelheit ja so unwichtigen Bildschirmbeleuchtung beendete, zeigte sich, daß wir wohl nicht allein waren. Bei Dunkelheit ragen die vorbeifahrenden Schiffe taghell erleuchtet beeindruckend in den Nachthimmel auf. Das Radar zeigt allerdings in aller Deutlichkeit, was wir durch eine sich im Südwesten ausbreitende Dunkelheit ahnten: Regen. Nicht nur Schiffe führen zu einer Reflektion der Radarimpulse. Konnten bis zu diesem Zeitpunkt die Schiffsbewegungen auf dem parallel zu uns verlaufenden Hauptverkehrsgebiet gut beobachtet werden, so machte sich jetzt ein ausgedehntes Echo Steuerbord voraus auf dem Bildschirm breit. Dieses Regenfeld nahm zeitweise bei einer Sichtweite von 12 Seemeilen (sm) 50 Prozent der Bildschrimfläche ein. Selbst der Filter zur Unterdrückung der Regenechos nutzte nichts, denn er musste so weit aufgezogen werden, dass der Schirm leer war. Somit gab es aus der Navigationsecke nicht nur Kommandos zum Steuerkurs sondern für interessierte Mitsegler auch den Hinweis: "Noch 2sm bis zum Regenfeld ... noch 0,5sm .... Klar bei Südwester!" Zu dieser Zeit war Heinz-Dieter Steuermann. Eingepackt in seine wasserdichte Kleidung war nur noch sein Gesicht dem Unbill der Naturgewalten ausgesetzt - bis auf seine Ledermokassins, die nun wirklich nicht die richtige Kleidung waren für dieses Wetter. Der Wind frischte auf und vom weissen Hecklicht gespenstisch beleuchtet waren die von schräg achteraus anrollenden Wellen zu sehen. Der Regen flog waagerecht begleitet vom Pfeifen des Windes und prasselte auf das Deck. Kurz vor Erreichen des Öretvisten, einem Trichter, an dessen engster Stelle unser Tagesziel Helsingör lag, war das Regengebiet über uns hinweggezogen. Daß wir darunter hindurchgefahren wären, läßt sich bei einer Geschwindigkeit von 8 Knoten nur schwer argumentativ untermauern.

In diesem Trichter bündelte sich der gesamte Schiffsverkehr in ein sogenanntes Verkehrstrennungsgebiet von wenigen hundert Metern breite. Diese Gebiete sind quasi richtungsgebundene Fahrbahnen, die, in der Seefahrt ungewohnterweise, einen eindeutigen "Fahrstreifen" markieren. Kennzeichen dafür sind ein mit weissen Tonnen befeuerter Mittelstreifen sowie grüne Tonnen auf Steuerbord (rechts) als Begrenzung der Südfahrbahn und rot zur Begrenzung der Fahrbahn in Richtung Norden. Die Berufsschiffahrt muß diese Fahrbahnen benutzen, weswegen wir beschlossen haben, uns nicht zwischen RoRo-Fähren im Linienverkehr zwischen Skandinavien und Mitteleuropa sowie Containerfrachter der 4. Generation mit 6.000 Containern einzureihen. Zumal wir nicht einmal halb so schnell fahren konnten und unsere Mastspitze (in 18m Höhe) nichteinmal annähernd auf Höhe der Bordwand solcher Schiffe war. So bekommt der Begriff "Drängler" mit einer durch 15.000 PS verursachten, unsere Aufbauten weit überragenden Bugwelle im Rücken eine ungeahnte Dringlichkeit... Wir wollten ausserhalb der Südfahrbahn am rechten Rand entlang unseren Weg nach Süden fortsetzen. Dummerweise mußten wir dazu die Einfahrt in flachem Winkel queren. So maximierten wir ungewollter weise die Zeit, der wir den "Dicken" im Weg standen. Segelboote sind nicht mit einem Transponder ausgerüstet, der bei Radarkontakt die Schiffsdaten Geschwindigkeit und Richtung zum Aussendenden überträgt. Somit war von uns nur eine dünnes Radarecho (Radarreflektor) und von hinten eine weiße Heckfunzel ein Meter über der Wasseroberfläche zu sehen. Das führte bei einem überholenden Küstenmotorschiff (eine Klasse kleiner als die Ozeandampfer) dazu, uns mit seinem Suchscheinwerfer auszuleuchten. Erst ein klärendes Gespräch über Kanal 16 "Unknown Vessel on position 56°16,34'N 012°16,13'E this is sailing yard scorpion. What is your intention?" "I will overhaule on your portside." "Ok. Goodbye an have a good watch." klärte die Situation. Im weiteren Verlauf konnten dann aus navigatorischer Sicht alle Register gezogen werden. GPS mit elektronischer Karte, Radar und Peilung von Leuchtfeuern und Tonnen, mit denen der Öretvisten quasi gepflastert ist.

Elektronische Seekarte

Radarschirm

Für interessierte hier nun ein kutzer Exkurs in die Navigation. Der Kartenausschnitt zeigt in der Mitte den Yachthafen von Helsingör, eingerahmt von einem roten Kasten (Hinweis auf eine Detailkarte) und den Buchstaben P. Im Radarbild sieht der Hafen so aus (siehe nebenstehend). Südlich vom Hafen steht das Sektorenfeuer Kronborg mit der Kennung Oc. (2)6s. Das heißt, zweifach unterbrochenes Feuer (Occasionaly 2) mit einer Wiederholzeit von 6 Sekunden. Interessanterweise ist dieses Leuchtfeuer in einem der Türme des Schlosses Kronborg installiert. Nördlich des Yachthafens sieht man das Verkehrstrennungsgebiet (zwei große Pfeile und Mittelstreifen) und die Betonnung der Einfahrt mit der grünen Tonne W4 (West), dem weißen Mittelstreifen M4 und der östlichen Begrenzung E4 (East). Alle Tonnen haben eine charakeristische Blinkfrequenz und Kennung, so dass man nicht erst hinfahren muss, um die Aufschrift zu lesen. Die Einfahrt in den Hafen war soweit problemlos. Nur die Parkplatzsuche mitten in der Nacht (3:30 Uhr) bereitete wie nicht anders zu erwarten war etwas Probleme.

md


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Segelcrew Ostsee
Last modified: Thu Sep 20 19:15:23 CEST 2001