Bornholm und Schweden '98

Reisebericht

2. Tag: Sonntag, 24.05.1998

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Morgens früh aufstehen, den UKW-Wetterbericht abpassen und aufnehmen, dann das Frühstück fertig machen. In Thiessow gibt es keinen Bäcker, die WCs stehen nicht zur Verfügung und wir warten eigentlich jeden Augenblick drauf, daß ein Fischkutter unseren Platz beansprucht. Es ist kein Sportboothafen und wir sind hier nicht gerade willkommen. Die Fischer wollen oder können uns auch keinen Fisch verkaufen. Schade, frischer Fisch auf der langen Überfahrt als Mittagessen, das wäre eine richtig gute Maßnahme gewesen. Ab es hat wohl nicht sollen sein.

Um 20 nach zehn legen wir in Thiessow ab. Der Tag fängt schon gut an. Nach dem Start des Motors findet das bordeigene GPS keinen Satelliten mehr. Die Logge zeigt keine Fahrt. Letzteres behebt Martin durch einen kräftigen Schub rückwärts schnell und unkompliziert. Ersteres wird uns an diesem Tag noch länger in Anspruch nehmen. Dann eine kleine Grundberührung ein kleines Stückchen außerhalb des Tonnenstrichs, da haben wir wohl ein Tor übersehen. Naja, tragisch war's nicht.

Nach einer halben Stunde Motorfahrt setzen wir die Segel und stoppen die Maschine. Kurs auf Bornholm! Der Wind ist gut, Welle haben wir kaum, wir sind ja auch noch in der Landabdeckung. Aber auch jetzt zeigt das GPS keine Position. Unser kleines Hand-GPS muß jetzt erstmal herhalten. Hoffentlich haben wir genug Akkus dabei, denn der Tag wird lang und die Nachtfahrt ohne GPS um einiges schwieriger im Gebiet vor Bornholm. Doch jetzt ist erstmal Segeln nach Sicht aus dem Greifswalder Bodden heraus angesagt. Der eine oder andere kleine Regenschauer zieht über uns hinweg, aber alles in allem ideale Bedingungen, um nach Bornholm zu kommen: Wind bei ca. 3-4 Beaufort und maximal ein halber Meter Welle, aus einer Richtung, die kaum Probleme bereitet. Der Westwind treibt uns unserem Ziel mit 4-6 Knoten entgegen.

Martin und Michi widmen sich in einer Bastelstunde dem GPS. Dieses findet zwar ab und zu Satelliten, klinkt sich dann aber meist auch recht schnell wieder aus. Das Antennenkabel wird neu verlegt über Deck zunächst, eine Steckverbindung entfernt. Erste Tests verheißen Gutes, doch ganz problemlos geht es dennoch nicht. Nichts destotrotz beschließen die beiden, das Antennenkabel durch den Kabelschacht neu zu verlegen und so dauerhaft die Steckverbindung zu sparen. Nach dem Einbau und diversen Resets funktioniert der Kasten erstmal wieder.

Der Wind schläft ein. Das GPS hat offenbar ein ganz anderes Problem, als zunächst angenommen, denn es stürzt nun einmal ganz ab: Ergebnis ein grüner Streifen im Display. Die Fahrt beträgt noch 3 Knoten. Nachdem das GPS mit einem Kaltstart traktiert worden ist, beschließen wir, es nur noch zur Positionsanzeige zu nutzen und erstmal auf weitergehende Funktionen (Sailplan, Waypoints etc.) zu verzichten. Dafür gibt es jetzt Essen: Pellkartoffeln mit Quark. Micha und Oliver bleiben zunächst draußen und dümpeln mit dem Kahn langsam Richtung Bornholm. Nachdem der Rest fertig ist, essen auch die beiden noch.

Michi, Sascha und Beatrice haben Freiwache und legen sich in die Kojen. Es kommt schließlich noch eine lange Nacht auf uns zu. Wir versuchen, den Spi zu setzen, aber auch der hilft uns nicht weiter. Wir sitzen in einem gespenstisch anmutenden Wetterloch: Über uns blauer Himmel, Sonne. Ringsherum, nur wenige Meilen entfernt ziehen dicke schwarze Wolken über die See und dichte Regenschauer begrenzen unser freies Fleckchen fast wie Wände, bis zu denen man klar schauen kann. Von Zeit zu Zeit taucht in der Ferne ein Frachter aus der Regenwand auf und verschwindet lautlos wieder einige Zeit später auf der anderen Seite.

Auch der aufkommende Regen am Rand unseres gespenstischen Loches bringt keinen Wind. Martin beschließt, unter Maschine weiter zu fahren, da die Wellen und das schlagen der Segel die Situation fast unerträglich machen. Micha steht am Steuer und trotzt dem Regen, Oliver sitzt im Gang, Martin widmet sich der Navigation. Der Rest der Wache geht fast ereignislos vorüber.

Nach dem Wachwechsel um kurz nach acht Uhr abends frischt der Wind wieder auf. Martin bleibt weiter wach. Das Geräusch des Motors weicht wieder dem leisen Pfeifen der Segel. Das Boot krängt langsam wieder etwas und kriegt gute Fahrt. Bornholm naht zusehends.

Der Schlaf der Freiwache war kurz und durch das ständige Schlagen des Großbaumes unterbrochen. Trotzdem ist jetzt die Zeit für Sascha, Beatrice und Michi gekommen, den anderen eine wohlverdiente Ruhepause zu gönnen. Die Dämmerung war bereits über das Schiff hereingebrochen. Der Wind war sehr wechselhaft und ließ uns nur mit mäßiger Geschwindigkeit vorankommen. Die Temperatur sank weiter und der Regen legte sich eisig über Kleidung und die das Steuerrad festhaltenden Hände. Vom Schein des Hecklichtes waren die Wellen schwach beleuchtet. Das Schiff rollte wenn die Wellen unter ihm hinwegliefen. Manchmal bildeten sich Schaumkronen, die mit einem leisen Rauschen am Schiff vorbeizogen. Eine gespenstische Situation. Mit so einem kleinen Schiff nachts allein auf der Ostsee. Ringsherum schwarze Nacht und nur am Horizont die Lichter eines vorbeifahrenden Schiffes. Anfangs auf Backbord mit seinem roten Backbordlicht zu sehen, dann achteraus wandernd und schliesslich verschwanden die weißen Hecklichter in der Ferne. Auf UKW-Kanal 16 war es auch ruhig geworden. Nur gelegentlich konnte man die Anrufe von Stockholm und Warnemünde Traffic an einlaufende Schiffe hören. Nach quälend langweiligen Stunden kam am Horizont ein Lichtstreif auf. Wind und Regen nahmen zu und für einen Moment erreichte das Schiff eine Geschwindigkeit von 8,5 Knoten. Martin macht sich fertig mit Michi die letzte Meile in den Hafen zu steuern. Inzwischen ist Wegepunkt 502, die Ansteuertonne Roenne, als weißes Blinklicht am Horizont zu sehen. Wir steuern jetzt nach Sicht auf die Tonne zu. Als wir bis auf 1 sm herangekommen sind hören wir auch den Ton, den diese Tonne von sich gibt. Es ist ein tiefes, melancholischen "tuuuuut tuuuuut tuuuuut" im 10-Sekunden-Rhythmus. Jetzt kommt auch schon das Ober- und Unterfeuer von Roenne in Sicht. Wenn man beide Lichter übereinander in Deckung bringt, liegt man genau in Richtung der Hafeneinfahrt. Eine halbe Stunde später sind alle Mann und Frau an Deck und wir haben die erste Mole passiert. Wir beschlossen, im nicht allzu schön gelegenen Sportboothafen festzumachen. Mit Sonnenaufgang haben dann Martin und Michi das Boot in den weiter nördlich gelegenen, eigentlichen Sportboothafen von Roenne, Noerrekas, umgelegt.


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