Bornholm und Schweden '98

Reisebericht

5. Tag: Mittwoch, 27.05.1998

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Wir haben heute etwas ausgeschlafen. Der Nebel hat sich nur teilweise verzogen, einige hundert Meter Sichtweite haben wir aber und die Sonne schaut langsam durch die Wolken. Unsere Freude über den neuen Tag kann auch durch die Feststellung kaum getrübt werden, daß die "Bakery" nur von historischer Bedeutung ist und uns nicht mehr mit Brot oder Brötchen versorgen kann. Da wir aber noch Vorräte haben, fällt das Frühstück nicht weniger üppig aus als sonst.

Das Wetter und vor allem die Insel laden dazu ein, noch einen kleinen Rundgang zu wagen. Trotz der verminderten Sicht beschließen wir, heute in Richtung Simrishamn auszulaufen und so den Sprung rüber zur schwedischen Küste zu schaffen. Also laufen die Vorbereitungen zum Aufbruch weiter. Klar Schiff machen, Abwaschen, Wetterberichte zusammentragen und die Wegepunkte setzen. Die anderen Segler vor und hinter uns haben sich auch schon auf den Weg gemacht.

Kaum aus dem Naturhafen ausgelaufen, scheint sich der Nebel etwas zu verdichten. Bei etwa 400 Metern Sicht verlieren wir Christiansö sehr schnell aus den Augen. Viel zu schnell, bedenkt man die rings um uns zahlreichen Fischernetze, von denen man die Bojen mit den Fähnchen nun erst kurz vor dem Erreichen sieht.

Trotz des Nebels weht ein leichter Wind, der uns auf dem fast wellenlosen Meer mit 3-4 Knoten in Richtung der schwedischen Küste bringt. Da wir einen Raumschotskurs haben, segeln wir entspannt nach Kompaß, Karte und GPS. Von Zeit zu Zeit hören wir in der Ferne ein Nebelhorn und vertrauen darauf, daß die größeren Schiffe, die unseren Kurs kreuzen, uns auf dem Radar sehen können. Kaum merklich zuerst, verdichtet sich der Nebel auf teilweise unter 50 Meter Sichtweite. Die Segelei wird fast zum Blindflug.

Die Ruhe läßt einige Zeit, um sich mal anderen Dingen zu widmen. Zum Beispiel der Lektüre des Segelbuches, um noch einmal die Nebelsignale ins Gedächtnis zu rufen. Doch gegen Ende der Fahrt, frischt der Wind auf und die Welle nimmt zu. Die Navigation wird schwieriger, denn die Sicht bleibt bei unter 50 Metern, die Tonnen vor der Küste sind nicht auszumachen und wir haben nur den Übersegler und keine Detailkarten von der schwedischen Südküste.

Schließlich haben wir ca. einen Meter Seegang, starken Wind und Null Sicht. Uns allen wird etwas mulmig, als wir auf Kanal 16 im UKW-Funk die Warnung "Ship at my harbour site 2,8 miles from coast: your course is dangerous" hören. Der Funker kommt klar rein, kann also nicht sehr weit weg sein, aber er meldet sich weder mit Rufzeichen, noch sagt er, in welchem Hafen er sitzt. Auch auf Anfunken, nach einer zweiten, ähnlichen Warnung, reagiert er nicht.

Als uns - wir müssen vielleicht 1,5 Seemeilen vor dem Hafen Simrishamn sein - von hinten ein Motorgeräusch auffällt, das ständig stärker wird, ohne seine Peilung zu verändern, starren wir gebannt nach hinten in die dichte graue Wand, bis ein großes Fischerboot aus dem Nebel auftaucht. Dieses fährt mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei. Martin versucht, es über Funk anzurufen, es kommt auch Antwort von einem Schiff. Auf Martins Bemerkung, daß wir auf seiner Steuerbordseite sind, sagte er, er könne da niemanden erkennen und wir müssten wohl ein anderes Boot meinen. Michi schlägt vor, die Segel einzurollen und den Motor zu starten, um dem Kutter zu folgen. Gesagt, getan - der Kutter ist aber schneller und verschwindet vor uns in der Nebelwand obwohl wir mit 8 Knoten Höchstgeschwindigkeit laufen. Zu allem Übel ist durch den Start des Motors auch noch das GPS ausgefallen. Ohne Radar und Satellietennavigation waren wir in die Anfänge der christlichen Seefahrt zurückversetzt. Wir können das Kielwasser des Kutters noch sehen und steuern auf direktem Wege dahin, um dann auf seinen geschätzten Kurs einzuschlagen. Sascha und Michi gehen nach vorne, um unsere Sichtweite um die Bootslänge zu vergrößern. Das dürften ca 20% gewesen sein. Endlich entdeckt unser Krähennest - entgegen den sonstigen Gepflogenheiten nicht am Mast sondern am Bug untergebracht - eine kleine rote Ansteuertonne, mehr ein Stäbchen - wir taufen diese Art Tonnen später auf "Fischstäbchen" - und kurz darauf die grüne. Wir durchfahren das Tor und entdecken, keine 100 Meter später die Hafeneinfahrt - wir sind vielleicht 50 Meter entfernt. Im Hafen selbst finden wir dann mit scharfem Hinsehen die Einfahrt zum Sportboothafen, die auch nicht viel weiter weg ist, und nehmen einen der vordersten Plätze in der Nähe zweier anderer deutscher Segler.

Kaum ist die Mystery festgemacht, wir haben gerade die Leinen aufgeschossen, ist der Nebel, so schnell, wie er am vorigen Abend gekommen ist, vergangen. Wir haben meilenweite Sicht in alle Richtungen nur 20 Minuten nach dem Einlaufen! Erstmal gibt es Spaghetti Carbonara (etwas angebrannt die Nudeln), denn Michi prophezeit Sonne für die Zeit nach dem Essen. Obwohl die Sonne nicht scheint, sondern langsam wieder Nebel aufzieht und das Tröten des Nebelhorns wieder einsetzt, machen wir noch einen Rundgang durch die eher unspektakuläre Hafenstadt. Nach einem gemütlichen Abend geht auch dieser Tag dann mit dem Schreiben des Logbuches, dem Beantworten von Mails und dem Tippen dieses Tagebuches zuende.


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