Bornholm und Schweden '98

Reisebericht

6. Tag: Donnerstag, 28.05.1998

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Lange liegen wir noch im Hafen Simrishamn und sind unschlüssig, ob wir es wagen sollten auszulaufen und welchen Hafen wir ansteuern wollen. Nach dem Früstück gehen erstmal vier von uns in den nahegelegenen Supermarkt und frischen unsere Vorräte auf. Sascha und Oliver bleiben an Bord bzw. duschen. Oliver besorgt noch von einem anderen Segler zwei Schiffe weiter den Ausdruck der aktuellen Wettermeldungen. Die beiden Schiffe hinter uns laufen dann, der Nebel hat sich endgültig gelichtet, aus mit Kurs in nördlicher Richtung. Der Wind kommt aus nordöstlicher Richtung und die Welle steht mit gut mehr als einem Meter auf dem Hafen, so daß selbst auslaufende große Fischkutter noch in der Hafeneinfahrt kräftig zu stampfen beginnen.

Auf Raten unserer Nachbarn beschließen wir, nicht Ystad, sondern Kasberga anzulaufen, einen winzig kleinen Hafen an einer der größten nordischen Steinsetzungen in Form eines Wikingerschiffs. Obwohl die beiden Yachten nach kurzer Zeit wieder im Hafen einlaufen, da sie Kurs gegen Wind und Welle machen mußten und das bei diesem Wetter sehr anstrengend und langsam ist, machen wir alles für's Auslaufen klar und verlassen gegen halb eins den Hafen mit Ziel Kasberga. Schon bei der Ausfahrt schlägt der Rumpf vorne öfter mal kräftig in die entgegenkommenden Brecher, doch wir müssen nur etwa 1,5 Meilen gegenanlaufen und können dann einen Kurs aufnehmen, bei dem die Wellen leicht unter dem Boot durchrollen und der Wind achterlich kommt.

Unser Adlerauge Sascha sitzt auf dem Vorschiff und beobachtet die Wellen, aber diesmal bleiben wir dann bis auf ein paar wenige Ausnahmen von Fischernetzen auf unserer Route verschont. Leider spinnt unser Bord-GPS mal wieder, so daß wir den Kurs mitkoppeln und nur von Zeit zu Zeit per Hand-GPS nachprüfen. Dabei stellen wir einen nicht unerheblichen Versatz, wahrscheinlich durch Strom fest. Wir setzen unseren Kurs also etwas weiter auf See fort als geplant, da wir aber nur ein recht kurze Strecke vor uns haben, stört das nicht zu sehr.

Da das Boot auf diesem Kurs recht gut läuft, nimmt Maitre Martin auf dem gesamten Deck die Bestellungen auf - so richtig mit Tuch und Block, wie im 5-Sterne-Restaurant. Es werden Sandwiches bestellt, Obst und Schokolade. Schon kurze Zeit später weicht die anfängliche Anspannung von den Gesichtern und die Moral der Truppe ist wieder hergestellt. Die Sonne läßt sich blicken und die Mystery schießt mit 7 Knoten durch die Wellen. Ein Tag für gute Laune und Segelrekorde. Auch wenn wir uns nicht trauen, den Spinnaker zu setzen, so fliegen wir mit dem gesetzen Schmetterling - für die Nichtsegler: Das Vorsegel und das Großsegel sind zu verschiedenen Seiten gesetzt, wenn der Wind von hinten kommt - übers Meer.

Bei einem Blick über die Yacht könnte man meinen, das Segeln wäre nur ein Alibi, um den ganzen Urlaub lang massenweise Essen einzuschieben. Einer segelt (und ißt dabei natürlich auch), der Rest schaut in der Gegend rum und versucht die Vorräte zu dezimieren. Erst als wir um die zu passierende Südostspitze segeln und den Kurs auf Raumschots ändern, weicht das allgemeine Schmatzen dem Sportsgeist, denn jetzt werden die Geschwindigkeitsrekorde - über neun Knoten laut Logge! - aufgestellt! Schnell nähern wir uns also unserem Ziel, dem kleinen Hafen mit dem großen Steinhaufen. Diesen erkennen wir allerdings erst kurz bevor wir ihn gegen 16:45 Uhr erreichen, denn er ist wirklich klein - aber fein! 25 Meilen mit einem Durchschnitt von fast sieben Knoten liegen hinter uns.

Im Hafen angelangt stellen wir erstmal fest, daß hier außer ein paar Fischbuden und einer grünen Klippe nicht sehr viel los ist - wenn man von Schulklassen und Busladungen von Touristen einmal absieht. Wir verlegen das Boot noch einmal im Hafenbecken und warten auf den Hafenmeister, der jedoch vorerst nicht zu sehen ist. Dafür stürmen wir dann kurzerhand noch den Fischladen, kurz bevor dieser um 18 Uhr schließt.

Da der Hafenmeister danach immernoch nicht aufgetaucht ist, schließen wir die Mystery ab und machen uns auf, das steinerne Wikingergrab zu besichtigen. Wir erklimmen den Weg hoch auf die Klippe und gehen zwischen ein paar Weiden hindurch in Richtung einer großen Wiese mit 58 Steinen, die ein 67 Meter langes Wikingerboot darstellen. Lange halten wir uns dort allerdings nicht auf, auch wenn es sich hierbei, denkt man an die tagsüber einfallenden Schulklassen und Touristenmassen, um ein schwedisches Nationaldenkmal handeln muß. Lieber widmen wir uns der Aussicht über den grünen Steilhang auf das weite Meer und durch die Bucht. Dabei entdecken wir unten am steinigen Strand Reste einer Bunkeranlage oder eines Beobachtungsposten, der wohl noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammen muß.

Zwischen Steinstrand und Klippen machen wir uns auf den Weg zurück in den Hafen und genießen dabei die Natur und die Ruhe. Im Hafen entdecken wir zuällig noch den Hafenmeister, der uns nach Bezahlung der Liegegebühren, mit 105 schwedischen Kronen inklusive Strom und Duschen, die sanitären Einrichtungen aufschließt und dann auch gleich wieder von dannen zieht. Auf unserem Weg durch den sehr kleinen Ort sehen wir ihn nocheinmal kurz wieder und fragen nach einer Bäckerei, die es hier jedoch nicht gibt. Aber wir finden einen Cafe-Besitzer, der unsere Bestellung für frische Brötchen für den folgenden Tag aufnimmt.

Aus dem zuvor gekauften Dorsch entwickelt sich an diesem Abend ein vier Gänge Menü, wo mit wir die Alibifunktion des Segelns weiter unterstreichen konnten.


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