
Der Tag am Darß begrüßt uns mit Sonne. Da wir aus
dem Nothafen um elf Uhr ausgelaufen sein müssen, beginnt der
Tag auch etwas früher als geplant und wir schaffen es, schon
kurz vor halb zehn aus dem Hafen. Der Seenotkreuzer ist nicht im
Hafen, aber als wir auslaufen - vorsichtig in der Mitte des
Tonnenstriches nach unserer Erfahrung am
Vortag - kommt er uns entgegen und der Vormann winkt uns
nocheinmal zum Abschied. Obwohl sich am Horizont eine dunkle
Gewitterwand breit macht, schlüpfen die meisten von uns
erstmal in etwas lockerere Kleidung, denn die Sonne ist warm,
der Wind kommt von hinten und ist somit im Cockpit kaum spürbar
und Sommerfeeling breitet sich an Bord aus.
Wir setzen den Spinnaker und jagen unserem Zwischenziel, dem
Leuchttum Gellen auf Hiddensee, mit ca. sechs bis sieben Knoten
entgegen. Die dunkle Wolkenfront begleitet das Boot auf der
Steuerbordseite über dem Darß, aber sie raubt uns
nicht die Sonne. Und so beschließen wir, vor dem
Zwischenziel zu ankern, direkt hinter der Fahrrinne, ab der
wir auf Sichtnavigation umsteigen. Unser Bord-GPS hat uns
nach der Nacht ohne Landstrom natürlich mal wieder so
richtig im Stich gelassen, aber unser Hand-GPS zeigt, daß
unser Koppelkurs auf der Karte fast perfekt ist.
Als wir ankern, holen uns die Ausläufer der Schlechtwetterfront
ein, und Wind und Welle mindern den Genuß des Liegeplatzes
dann doch leider etwas. Dennoch gönnen wir uns ein paar belegte
Brote, die Micha und Martin unter Deck bereiten, und Getränke
wie O-Saft und Soilent Green, der Spitzname für die seltsame
Chemie-Flüssigkeit, die wir beim Bunkern der Vorräte mit
eingepackt hatten (der Fruchtsaft-Gehalt von "Apfelsinen Gelb" ist
immerhin mit mindestens 0,5 Prozent angegeben!). Und so lichten
wir auch bald wieder den Anker und fahren in den Tonnenstrich in
Richtung Stralsund, vorbei an Barhöft, wo wir ja schon beim
Himmelfahrtstörn
gelegen haben.
Nachdem wir einen kurzen Weg in der schmalen Rinne kreuzen
mußten und dabei einem ehemaligen Fischkutter, der jetzt
Touristen auf Besichtigungstour fägt, und einem Lotsenboot
aus Rostock ausweichen mußten, biegen wir auf den Weg
in den Strelasund ein und begegnen anderen Seglern, aber auch
einem KüMo und einer kleinen Fähre. Aber alle nur von
vorne, denn unsere fast acht Knoten Fahrt macht uns wohl keiner
so schnell nach.
Sascha vermittelt einem fast das Gefühl, bei ihm im Flieger
zu sitzen, allerdings findet Adlerauge eine Tonne mehr als geplant
und löst eine hektische Suche nach Festhaltemöglichkeiten
aus, als bei Rumpfgeschwindigkeit von achteinhalb Knoten Oliver
die rapide sinkenden Zahlen auf dem Echolot vorliest: "Drei.
Zweisechzig. Zweizehn. Zwei. Einsneunzig. Einsachtzig... Einsneunzig".
Ein Aufatmen allerseits. Mit nur zehn Zentimetern unter dem Kiel
hat Sascha es gerade noch geschafft, die Grundberührung
abzuwenden. Glück gehabt! Der Rest des Weges geht dann
glatt über die Bühne und wir legen um 17 Uhr in
Stralsund am Yachthafen Nordmole an, da wir in den alten Hafen
wegen der Öffnungszeiten der kleinen Klappbrücke davor
nicht mehr einlaufen können bzw. nicht mehrere Stunden
warten wollen.
Beim Abendbrot merkt man dann doch, daß der Törn leider dem Ende zuneigt, heute war der letzte "richtige" Seetag, morgen laufen wir nur noch kurz durch den Greifswalder Bodden, die meisten Meilen verbringen wir allerdings in den schmalen Fahrrinnen zwischen Rügen und Stralsund und im Kanal vor Wiek Ladebow... Und dann müssen wir unser Zeug zusammenrämen und zwei traumhafte Wochen sind zuende.